Zum Spielzeugcheck nach Amman

Landesdirektion Sachsen unterstützt jordanische Behörden in Sachen Marktüberwachung

"Hast du schon im Intranet gelesen? Für ein Twinning-Projekt werden Kurzzeitexperten gesucht, die Schulungen für Marktüberwacher außerhalb der EU durchführen sollen!" So die Frage einer Kollegin, ganz nebenbei gestellt, aber eine, die mich fast ein Jahr lang nicht wieder loslassen sollte.
 
Anke VölkerMein Name ist Anke Völkner. Seit zwanzig Jahren arbeite ich in der Landesdirektion Sachsen und davon mehr als fünf Jahre in der Abteilung Arbeitsschutz, im Referat „Technischer Verbraucherschutz“. Als Marktüberwachungsbehörde des Freistaates Sachsen bin ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen zuständig für Verbraucherprodukte, Arbeitsmittel und eine Vielzahl von Medizinprodukten. Das bedeutet, dass wir den Markt überwachen und kontrollieren, um Verbraucher vor unsicheren Produkten zu schützen. Der Markt – das sind Hersteller oder Händler unter anderem für Kinderspielzeug, elektrischen Geräten, Maschinen, Druckgeräten, Sportbooten und Werkzeugen. Daneben ist auch der Schutz der Wirtschaftsakteure vor unfairem Wettbewerb auf dem Binnenmarkt für uns ein wichtiges Thema. Wir wollen Anbieter, die an der Sicherheit ihrer Produkte sparen, von den Verbrauchern fernhalten.
 

Twinning-Projekt – was ist das und warum werden diese durchgeführt?
 
Twinning-Projekte wurden als Initiative der Europäischen Kommission im Jahr 1998 ursprünglich zur Unterstützung zukünftiger Mitgliedstaaten bei ihren Vorbereitungen auf den EU-Beitritt geschaffen. Es handelt sich um Partnerschaftsprojekte zwischen Verwaltungseinrichtungen zweier Länder zu einem spezifischen Thema, bei dem das potentielle Beitrittsland Reformen anstrebt. Nach 2002 wurde das Model des Twinning-Projektes auch für Staaten in den EU-Nachbarregionen ohne Beitrittsperspektive genutzt.
 
Im meinem Fall beteiligte sich Deutschland an einem Projekt in Jordanien, das Voraussetzungen für ein Handelsabkommen zwischen der EU und dem arabischen Raum mitgestalten und die Anpassung der nationalen Gesetzgebung nach EU-Standards unterstützen soll. Im Mittelpunkt standen dabei – in Zusammenarbeit mit dem jordanischen Amt für Normen und Messtechnik (Jordan Standards and Metrology Organization) in Amman – die Konformitätsbewertungen und die Anerkennung industrieller Produkte.
 
Kurzzeitexperte – wie wird man das?
 
Zunächst muss die EU-Kommission das vom Kandidatenland vorbereitete Twinning-Projekt genehmigen. Dann wird dieses ausgeschrieben und das beste Angebot eines Mitgliedstaats bekommt den Zuschlag. Nun werden ein Langzeitexperte (Projektleiter vor Ort) und die fachlich passenden Kurzzeitexperten ausgeschrieben. Diese Ausschreibung war dann in Intranet der Landesdirektion zu finden. Bedingungen für eine Bewerbung waren die Entsendemöglichkeit und -zusage durch den Arbeitgeber, sehr gute Fach- und Englischkenntnisse.
 
Einsatz vor Ort – was beinhaltete er?
 
Noch vor der Abreise nach Jordanien stimmte ich mit der Projektleiterin und den jordanischen Kollegen die genauen Inhalte der Schulungen im Verhältnis zum Wissenstand der Kollegen vor Ort ab und konnte so passende Schulungsunterlagen und Praxisbeispiele zusammenstellen.
Meine in Englisch verfassten PowerPoint-Präsentationen wurden in Jordanien als Handout verteilt. Rechtsgrundlagen und Normen – Gesamtmasse sieben Kilogramm – lagen ausgedruckt und markiert in meinem Koffer.
Während meines vierzehntägigen Aufenthaltes hatte ich praxisorientierte Schulungen durchzuführen, die die Produktgruppe Spielzeug und dabei speziell einzelne Spielzeuggruppen wie Geschossspielzeug, Aktivitätsspielzeug (etwa Trampoline und Schaukeln) oder Spielzeug in und an Lebensmitteln betraf. Ich habe dabei die europäischen und deutschen Rechtsgrundlagen und Normen vorgestellt und erläutert und dann an Hand von Produktbeispielen eine Risikobewertung durchgeführt: Welche Gefahren können von einzelnen Spielzeuggruppen ausgehen und wie dürfen sie deshalb gerade nicht beschaffen sein? Welche Kennzeichnung muss sich auf dem Produkt befinden und was muss in einer Anleitung stehen? Als wie riskant sind einzelne Mängel zu bewerten und welche Handlungsanforderungen ergeben sich für Marktüberwacher daraus? Final sollten Checklisten für einzelne Produktgruppen erstellt werden, die dann als Handlungsanweisungen für die Mitarbeiter der Marktüberwachung nutzbar sind.
 
In Amman traf ich in meinen täglichen Schulungen auf 10 bis 15 jordanische Kollegen, die diese Veranstaltungen neben ihrer täglichen Arbeit wahrnahmen. Die Gruppe wechselte deshalb sowohl über den Tag als auch in der Woche in ihrer Besetzung mehrfach, was die Durchführung der Schulungen zu einer echten Herausforderung machte.
 
Dennoch: Die Schulungen waren eine gelungene Kombination von Lehre und Austausch. Rechtsformen und das Rechtsverständnis in unseren Ländern sowie der EU wurden vorgestellt und debattiert, ebenso die jeweiligen Formen und Möglichkeiten der konkreten Rechtsanwendung. Da die Teilnehmer selber Proben und Fragen aus ihrem Arbeitsalltag mitbrachten, hatten wir im wahrsten Sinne des Wortes fassbare Beispiele, anhand derer wir Kontrollmechanismen und Verwaltungsakte - und Kontrollvorgänge vollständig durcharbeiten konnten. Echte Marktkontrollen bei Händlern in Amman rundeten meine Schulungen ab.
               
Was blieb von alledem für mich? Ich habe viele Eindrücke, Erfahrungen und neues Wissen mit nach Hause gebracht. Meine Kolleginnen und Kollegen waren begierig, daran teilzuhaben. Vor allem aber freue ich mich und bin ich stolz, die Mitarbeiter der Marktüberwachung in Jordanien ein Stück in ihrer Arbeit für sichere und für den europäischen Markt konforme Spielzeuge vorangebracht zu haben.

Abteilung Arbeitsschutz - Referat Technischer Verbraucherschutz

Gefährliches Speilzeug gehört nicht in Kinderhände. Marktüberwachung beim stationären Spielwarenhandel ist deshalb auch in Jordanien üblich.