Mit der Geschichte leben

Eine Gedenktafel am Dienstgebäude in Chemnitz erinnert an ein unrühmliches Kapitel deutscher Industriegeschichte

Wer den Chemnitzer Hauptsitz der Landesdirektion Sachsen an der Altchemnitzer Straße besucht, erkennt schnell: Dieses Gebäude hat historischen Wert. Es liegt in einem in Richtung Süden an das Stadtzentrum anschließenden Areal, das deutlich durch die Industriegeschichte der Stadt geprägt ist.
 
1928/29 als Fertigungs-und Montagestätte der Astra-Werke Aktiengesellschaft - einer Büromaschinenfabrik - erbaut, erfuhr das Haus 1937/38 eine Erweiterung und anschließend bis in die neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts eine Nutzung als Fabrikgebäude. In der DDR weitgehend verschlissen, wurde es in der Zeit nach 1990 durch private Investoren denkmalgerecht saniert und ab 1994 vom Freistaat Sachsen als Unterbringungsobjekt für das damaligen Regierungspräsidium Chemnitz angemietet.
 
Der Industrie- schließt sich nun ein inzwischen auch schon längeres Kapitel Verwaltungsgeschichte an, denn aus dem Regierungspräsidium wurde erst die Landesdirektion Chemnitz und 2012 schließlich die Dienststelle Chemnitz der Landesdirektion Sachsen, die zugleich Sitz des Präsidenten der Landesdirektion ist.
 
Ein durch seine neue Nutzung lebendiges Denkmal der Industriegeschichte war das Gebäude also schon, bevor sich die Bürgerschaftliche Initiative „Historischer Atlas Sachsen 1933 – 1945“ Ende 2016 mit dem Anliegen, eine Gedenktafel am Gebäude anbringen zu wollen, an die Landesdirektion wandte.
 
Mit dieser Gedenktafel sollte an die etwa 1.600 Kriegsgefangenen, KZ-Häftlinge und deportierten Zivilisten erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1939 und 1945 in den Astra-Werken Chemnitz für die deutsche Rüstungsindustrie Zwangsarbeit leisten mussten. Zur Sicherung der Kriegsproduktion kamen damals zunächst sogenannte Westarbeiter, ab 1942 Ostarbeiter und sowjetische Kriegsgefangene sowie schließlich ab 1944 KZ-Häftlinge zum Einsatz. Von Oktober 1944 bis zum 13. April 1945 betrieb die SS in den Astra-Werken ein Außenlager des KZ Flossenbürg. Über 500 Frauen und Mädchen vor allem aus der Sowjetunion, Polen, Italien kamen für die NS-Rüstungsproduktion unter Zwangsbedingungen zum Einsatz.
 
Zwar ist dieser Teil der Vergangenheit des Dienstgebäudes ohne Auswirkung auf das Tagesgeschäft der Behörde. Das Vorhaben der Bürgerinitiative aber rückte auch für die Bediensteten der Landesdirektion Sachsen plötzlich eine bis dahin kaum bekannte Facette der Geschichte ihres Arbeitsortes ins Bewusstsein.
 
Die Initiative für die Einrichtung einer Gedenktafel wurde durch die Landesdirektion Sachsen als gegenwärtiger Nutzer des Gebäudes von Anfang an unterstützt. Dennoch war es bis zur Einweihung noch ein langer Weg. Neben denkmalrechtlichen Genehmigungen und Fragen der Finanzierung bedurfte es zahlreicher Abstimmungen zwischen dem Eigentümer des Gebäudes, der Landesdirektion Sachsen, dem Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement als Mieter und der Bürgerschaftlichen Initiative. Inhaltlich durchlief das Projekt eine wissenschaftlichen Evaluation, um alle historischen Fakten sicher abzuklären.
 
Am 13. April 2018 war es schließlich soweit: Die Einweihung der Gedenktafel konnte feierlich vollzogen werden. Sie wurde aber nicht allein für die Landesdirektion Sachsen selbst ein besonderer Moment. Gemeinsam mit der Vizepräsidentin des Sächsischen Landtages, Frau Andrea Dombois, enthüllten Vertreter der Bürgerschaftlichen Initiative den neuen Ort des Erinnerns. Unter den Anwesenden waren neben einer interessierten Öffentlichkeit Vertreter der Republik Belarus sowie der Italienischen Republik, politische Mandatsträger aus dem Deutschen Bundestag, dem Sächsischen Landtag und der Stadt Chemnitz, Ehrengäste sowie Zeitzeugen.  
 
Die Gedenktafel am Haupteingang der Dienststelle in Chemnitz soll fortan ein „Stolperstein“ sein, der an das Leid erinnert, das auch an diesem Ort mit nationalsozialistischer Zwangsherrschaft und Krieg verbunden war.

Präsidialbereich, Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Industriedenkmal, aber auch Ort nationalsozialistischer Zwangsarbeit: Das Gebäude der Astra-Werke in Chemnitz, heute Sitz einer Dienststelle der Landesdirektion Sachsen

Die Gedenktafel: Am Gebäudeeingang platziert, nicht zu übersehen

Die Einweihung der Gedenktafel erfolgte im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung am 13. April 2018

Im Foyer des Gebäudes informiert eine Vitrine über die zeitgeschichtlichen Hintergründe der Zwangsarbeit in den Astra-Werken während der Zeit des Nationalsozialismus
© Landesdirektion Sachsen