Miteinander und nicht gegeneinander

Der Arbeitsschutz bei der Landesdirektion bringt sich bei Fernfahrerstammtischen ein – mit Gewinn für Trucker und Behörde

Deutschland als Transitland und Drehscheibe von Millionen von Gütertransporten in Europa hat auch im nächsten Jahrzehnt auf seinen Fernstraßen gewaltige Verkehrsmengen zu bewältigen.

Fernfahrerstammtische mit der Polizei und Behörden stoßen deshalb auf großes Interesse. Als federführende Behörde hat die Polizei mittlerweile in 14 Bundesländern ein Gesprächsforum mit Fernfahrern, Disponenten, Spediteuren und Fachbehörden eingerichtet, an festgelegten Autobahnraststätten jeweils am ersten Mittwoch des Monats. Die Foren dienen der Prävention von Fehlverhalten im Straßenverkehr, sollen aber auch das gegenseitige Verständnis fördern. Die Polizei ist bemüht, Unfallzahlen zu senken und Verkehrsverstößen – mit oft empfindlichen Bußgeldfolgen für die Fahrer und Fahrerinnen – durch Aufklärung vorzubeugen.

Bereits seit 2002 gibt es auch in Sachsen Fernfahrerstammtische mit der Autobahnpolizei. Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht ein jeweils aktuelles Thema, in das der Moderator von der Polizei einführt. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil der etwa zweistündigen Gesprächsrunde ist der Dialog mit den Fahrern. Dabei kommt es stets zu angeregten Diskussionen, wobei die Fahrer nicht nur über aktuelle Verkehrsvorschriften aufgeklärt werden, sondern auch darüber hinaus gehende wichtige Informationen und Erkenntnisse mitnehmen können.
 
Regelmäßig werden zu verschiedenen Themenbereichen auch Referenten eingeladen, die als Experten informieren. In diesem Rahmen ist seit 2011 auch die Arbeitsschutzbehörde bei der Landesdirektion Sachsen (LDS) als ständige Ansprechpartnerin bei den Fernfahrerstammtischen aktiv. Unsere Themen liegen auf der Hand: Vorrangig geht es um
Fragen des Fahrpersonal- und Arbeitszeitrechts, aber auch um den allgemeinen Arbeitsschutz. Besonders gefragt ist der jährlich im Frühjahr angesetzte Vortrag zum Thema Fahrpersonalrecht. Die durchgehend hohe Besucherzahl zeigt: Dieses komplexe Gebiet ist ein heißes Eisen. Neben der Vermittlung gesetzlicher Neuerungen geht es im Kern immer darum, wie etwa Arbeitszeitrecht- und Sozialvorschriften gesetzeskonform und realitätsnah umgesetzt werden können.

Dass Behörden, Unternehmer und Fahrer diesbezüglich durchaus unterschiedliche Sichtweisen haben, ist nicht überraschend. Oft berichten in der anschließenden Diskussion  LKW-Fahrer wie auch Unternehmer aus dem Alltag und stellen die Vereinbarkeit von Theorie und Praxis in Frage. Eine gemeinsame Lösung findet sich nicht immer. Wirtschaftliche Gründe – wie Termin- und Wettbewerbsdruck – spielen in der Branche eine große Rolle. Gleichwohl kann man die Probleme aber in ein anderes Licht stellen, was auf beiden Seiten zu mancher Einsicht verhilft. Auch die LDS zeigt sich bei den Stammtischen bewusst sehr publikumsnah und transparent. Die am Transportgeschäft Beteiligten erhalten Einblicke, wie die Arbeitsschutzbehörde etwa bei Betriebskontrollen und der Durchführung von Ordnungswidrigkeitenverfahren vorgeht.

Fernfahrerstammtisch. Foto: Polizei Sachsen

Die Botschaft ist: Miteinander und nicht gegeneinander – selbst dort, wo Fahrer und Unternehmer für Verstöße verantwortlich sind. Ein weiterer, öfter genutzter Vorteil: Die Fahrer können Fragen, die ihnen unter den Nägeln brennen, auch einmal unter vier Augen besprechen. Etwa dann, wenn der Dispositionsplan ihrer Firma mit den vor- geschriebenen Wochenruhezeiten kollidiert.
 
Weitere Themen der Stammtische sind Ladungssicherung, Sicherheitsabstand, Geschwindigkeit und Gurtpflicht, Verhalten bei Stau und nach Verkehrsunfällen sowie Neuerungen oder Änderungen im Bereich des Straßenverkehrsrechts, der Fahrzeugzulassungsverordnung oder der Berufskraftfahrerqualifizierung – kurz: alles rund um die Güter- und Personentransporte und die Autobahn. Dass daran etliche weitere Netzwerkpartner – von weiteren Behörden über den ADAC, den TÜV, die Dekra, die Berufsgenossenschaften, Sicherheitsfachkräfte bis hin zu Fahrschulen und Richtern – beteiligt sind, ist ein großer Vorteil des Formats. Und dass das Konzept Fernfahrerstammtisch mittlerweile auch in weiteren sechs EU-Staaten so oder so ähnlich umgesetzt wird, spricht für seine Wichtigkeit und Wirksamkeit.

Interessierte Teilnehmer verfolgen Vorträge und Praxisbeispiele während des Fernfahrerstammtisches an der Tank- und Rastanlage Oberlausitz Nord. Foto: Polizei Sachsen